Algen und Ernährung: Mehr als nur Sushi
Wie schmeckt die Zukunft? Und wie lässt sie sich erfahrbar machen?
Im Mittelpunkt stand die nachhaltige Kultivierung von Makro- und Mikroalgen fernab der Küste – ein Ansatz, den das IGZ-geführte Projekt „SolKubiM“ (Solebasierte Kultivierungssysteme für binnenländische Makro- und Mikroalgen) erforscht. Gleichzeitig wurde deutlich, dass für die Verankerung neuer Lebensmittel im Alltag auch Design, Wissenschaftskommunikation und praktische Erfahrung eine zentrale Rolle spielen.
Ein besonderer Standortvorteil in Bad Saarow ist die natürliche Thermalsole der Catharinenquelle. Sie bietet geeignete Bedingungen, um Meeresalgen auch im Binnenland zu kultivieren. Erste Ergebnisse aus dem Projekt zeigen, dass Makroalgen wie der so genannte Meersalat (Ulva compressa) in der Bad Saarower Sole erfolgreich wachsen können und dabei zugleich interessante Inhaltsstoffe produzieren.
So erläuterten die IGZ-Wissenschaftlerinnen Dr. Anna Fricke und Valeriya Denisova, dass die kultivierte Biomasse unter anderem durch wertvolle Ballaststoffe, Proteine, Mineralstoffe und Carotinoide interessant ist. Gleichzeitig bietet der Standort die Möglichkeit, Algenproduktion in bestehende Infrastrukturen zu integrieren und damit neue Formen regionaler Wertschöpfung zu erschließen.
Ernährungssysteme neu denken
„SolKubiM“ knüpft an Fragestellungen an, die im Forschungsprojekt „food4future – Nahrung der Zukunft“ seit 2019 bearbeitet werden. Dabei geht es um die Frage, wie Ernährungssysteme angesichts von Ressourcenknappheit, Flächenkonkurrenz und instabilen Lieferketten zukunftsfähig gestaltet werden können.
Jette Berend (Projektmanagerin food4future, IGZ) betonte in ihrem Vortrag, dass es es dafür ein grundsätzliches Umdenken braucht: „Wir müssen Ernährungssysteme neu denken, damit auch in Zukunft alle Menschen satt werden.“
„food4future“ erforscht dafür alternative Organismen wie Makroalgen, Salzpflanzen, Insekten und Quallen – also Ressourcen, die wenig bis gar kein Frischwasser benötigen und perspektivisch auch in urbanen Räumen kultiviert werden können. Ziel ist es, krisenresiliente Ernährungssysteme zu entwickeln und neue Formen der Produktion näher an die Orte des Konsums zu bringen.
Forschung sichtbar und erfahrbar machen
Das Event in Bad Saarow zeigte nicht nur wissenschaftliche Ergebnisse, sondern auch, wie wichtig ihre Vermittlung ist. Neue Lebensmittel setzen sich nicht allein durch ihre Inhaltsstoffe oder Produktionsvorteile durch. Sie müssen erlebt, verstanden und kulturell eingeordnet werden.
An dieser Schnittstelle setzt auch food4future an. Das Projekt verfolgt den Anspruch, Forschung nicht nur im Labor zu betreiben, sondern sie in Reallaboren, Ausstellungen und Bildungsformaten für alle zugänglich zu machen. Das „Future Food Living Lab“ versteht sich als offener Begegnungsraum, in dem Wissenschaft, Studierende und Gesellschaft zusammenkommen. Hier werden Installationen, Exponate und digitale Anwendungen entwickelt, die neue Ernährungssysteme erlebbar machen und zur Diskussion stellen.
Gestaltung als Brücke zwischen Wissenschaft und Alltag
Ein besonderer Programmpunkt war die Ausstellung „Gestaltungskonzepte für Lebensmittel der Zukunft“. Diese wurde von Studierenden des Studiengangs „Industrial Design“ der HTW Berlin in Kooperation mit food4future entwickelt.
Die ausgestellten Arbeiten zeigten, wie Gestaltung dabei helfen kann, neue Lebensmittel und Produktionskonzepte verständlich, zugänglich und alltagsnah zu machen. Im Fokus standen dabei Fragen wie: Wie könnten wir künftig kochen, kultivieren und essen? Welche Räume, Produkte und Anwendungen braucht es, um neue Lebensmittel in den Alltag zu integrieren? Und wie lassen sich Hemmschwellen gegenüber bislang ungewohnten Zutaten abbauen?
Edgar Weiss, Student des Studiengangs Industrial Design, brachte den Kern der Zusammenarbeit auf den Punkt: „Wir hatten die Möglichkeit, zusammen mit ‚food4future‘ Wissenschaft und Design zu koppeln.“ Zu sehen waren unter anderem Konzepte für urbane Makroalgenkultivierungssysteme, interaktive Ausstellungsformate und Ideen für zukünftige Küchen- und Verkostungssituationen. Die Projekte verdeutlichten, dass die Ernährung der Zukunft nicht nur eine technologische, sondern auch eine gestalterische und gesellschaftliche Aufgabe ist.
Algen zwischen Forschung und Anwendung
Auch das IHK-Ausbildungsprogramm für Algensommeliers wurde vorgestellt. Es vermittelte Wissen zu gesundheitlichen, regulatorischen und kulinarischen Aspekten von Algen und zeigte, wie breit das Thema bereits heute aufgestellt ist. Dabei wurde klar, dass Algen längst nicht nur für Forschung und Spezialanwendungen relevant sind, sondern zunehmend auch für den Alltag. Die Unternehmerin Kirstin Knufmann formulierte diesen Anspruch: „Wir versuchen, das wirklich in den Mainstream reinzubringen, sodass es nicht mehr so freaky ist, sondern lecker.“ Die Verkostung der Algenprodukte war damit weit mehr als ein kulinarisches Begleitprogramm. Sie veranschaulichte, wie sich neue Lebensmittel über Geschmack, Anwendung und positive Erlebnisse erschließen lassen.
Ein Ort für Zukunftsfragen
Die Veranstaltung in der SaarowTherme hat gezeigt, wie produktiv das Zusammenspiel von Forschung, Gestaltung, Wirtschaft und Öffentlichkeit sein kann. „food4future“ und „SolKuBim“ untersuchen nicht nur, wie Algen in solebasierten Systemen kultiviert werden können, sondern schaffen zugleich Räume, in denen über die Zukunft von Ernährung konkret nachgedacht und gesprochen werden kann.
Insbesondere die Zusammenarbeit mit den HTW-Studierenden war ein wichtiger Beitrag, um wissenschaftliche Fragestellungen in anschauliche und erlebbare Formate zu übersetzen. So wurde Bad Saarow für einen Tag zu einem Ort, an dem Ernährung von morgen nicht abstrakt diskutiert, sondern bereits im Kleinen erprobt wurde.
Weiterführende Informationen:
- „SolKuBim“ auf der Webseite der SaarowTherme (BMLEH-gefördert)
- Projektwebseite „food4future“ (BMFTR-gefördert)
- Veranstaltungsbericht Märkische Zeitung vom 27.03.2026 (Bezahlschranke): Therme in Bad Saarow: Das steckt hinter den Algen im Thermalbad
Dieser Beitrag basiert auf einer zuvor auf www.food4future.de veröffentlichten Fassung.